Flucht und Migration - ein Thema mit vielen Facetten

Die Diakonie im Landkreis Esslingen erörtert Herausforderungen für Haupt- und Ehrenamt

Flucht und Migration - ein Thema mit vielen Facetten

Eines von vielen Projekten gemeinsam mit Geflüchteten: Nähen von Umhängetaschen aus Werbebannern der langen Tafel in Nürtingen. Bild: Bergholz

Diakonische Einrichtungen und evangelische Kirchengemeinden sind in den letzten Jahren verstärkt mit dem Thema Flucht und Migration konfrontiert. Das stellt sowohl das Haupt- wie auch das Ehrenamt vor große Herausforderungen. Grund genug für die Vertreter der Diakonie im Landkreis Esslingen (DIL) dieses Thema in den Mittelpunkt ihrer Verbandsversammlung in Kirchheim zu stellen.

Aus vielen Blickwinkeln betrachtet, entstand ein Gesamtbild, das die zahlreichen Facetten von Flucht und Migration deutlich machte. „Wir brauchen gegenseitige Unterstützung und Bestärkung“, sagte Pfarrer Frieder Grau, der die Veranstaltung moderierte. Dass Flüchtlingsarbeit im biblischen Auftrag geschieht, ist auch dem Nürtinger Dekan Michael Waldmann, Vorsitzender der DIL, wichtig. Die Kirchheimer Dekanin Renate Kath legte dar, dass Flucht kein neues Phänomen ist, sondern schon die Bibel voller Fluchtgeschichten ist.
Ann-Kathrin Hartter vom Diakonischen Werk Württemberg informierte über die aktuelle Flüchtlingssituation weltweit und nannte als Forderungen der Diakonie unter anderem den raschen Familiennachzug. Er werde vermutlich nur mit einem Faktor von 0,1 zu Buche schlagen. Außerdem forderte sie rechtsstaatliche und zügige Asylverfahren sowie eine frühestmögliche dezentrale Unterbringung.
Kurt Hilsenbeck, Ehrenamtskoordinator im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen, beschrieb, wie sich die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit in den vergangenen drei Jahren verändert hat. Mit dem Abebben des Flüchtlingszuzugs und dem Wechsel der Geflüchteten in die Anschlussunterbringung seien nicht mehr kurzfristige Hilfsangebote für größere Gruppen, sondern individuelle Begleitung Einzelner gefragt. Diese aber sei viel komplexer. Es stelle sich für das Ehrenamt zudem die Frage nach Strukturen und nach der Art der Zusammenarbeit mit dem Hauptamt wie etwa den Integrationsmanagern.
Ulrich Teufel, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Jugendhilfe aktiv, verdeutlichte an einem filmischen Beispiel die schwierige Situation von Unbegleiteten Minderjährigen Asylsuchenden (UMA). Werden sie volljährig, wird ihr Asylanspruch überprüft. 85 Prozent hätten wohl keine Chance hierzubleiben, schätzt Teufel. Es sei denn, sie machen zum Zeitpunkt der Volljährigkeit eine Ausbildung. Dann dürfen sie auch zwei Jahren nach deren Abschluss noch bleiben. „Doch für die meisten ist das eine Überforderung“, weiß Teufel und fordert, diesen Jugendlichen mehr Zeit zur Integration zu geben. „In Baden-Württemberg leben 8000 UMAs. Das überfordert uns nicht.“
Anette Lang, die Leiterin des Beruflichen Ausbildungszentrums Esslingen (BAZ), hat gute Erfahrungen mit jungen Flüchtlingen gemacht, die im Projekt „Jump Up“ fit für den Einstieg in eine Ausbildung gemacht werden: „90 Prozent sind hoch motiviert.“
Renate Hirsch von der BruderhausDiakonie informierte über die Situation geflüchteter Frauen und betonte: „Die weitere Aussetzung des Familiennachzugs wäre eine Katastrophe.“ Denn die lange Trennung der Familien führe oft zu Entfremdung und großen Konflikten.
Die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle Filder, Elisabeth Rümenapf, beschrieb die psychischen Folgen, die Menschen durch ihre Flucht erleiden. „70 bis 80 Prozent haben traumatische Erlebnisse im Heimatland oder auf der Flucht hinter sich. Bis zu 40 Prozent von ihnen entwickeln posttraumatische Belastungsstörungen.“ Die existentielle Unsicherheit im Asylverfahren könne diese verstärken. Reizbarkeit, Wutausbrüche, selbstzerstörerisches Verhalten oder die Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, können unter anderem die Folge sein.
Renate Maier-Scheffler, die Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle Nürtingen, sieht die Diakonie unter anderem herausgefordert, Begegnungen zwischen Einheimischen und Geflüchteten zu ermöglichen und den Schutzbedürftigen eine Stimme zu geben. „Doch wie gelingt es uns, das Thema in den Kirchengemeinden zu platzieren auch gegen bestehende Ängste?“, fragte Eberhard Haußmann, Geschäftsführer der DIL. Solche Ängste entstünden etwa, wenn Geflüchtete und andere Bedürftige bei der Suche nach bezahlbarem Wohnraum in Konkurrenz treten. Dass die Wohnungsnot von der Politik erst öffentlich wahrgenommen wurde, als die Flüchtlinge kamen, verärgere viele, die selbst schon lange eine Wohnung suchten, bestätigte Ralf Brenner, Geschäftsführer des Esslinger Vereins Heimstatt. „Diese Gefühle von Angst dürfen wir nicht diskreditieren“, forderte auch Grau. In den Kirchengemeinden müssten unterschiedliche Haltungen Platz haben. Wichtig sei es jedoch, im Gespräch zu bleiben. Er sagte aber auch: „Wir haben eine besondere Verantwortung für Menschen, die bei uns Schutz suchen.“ Der Theologe ist überzeugt, „dass wir noch lange nicht am Limit sind und noch viel mehr schaffen könnten“. Allerdings sei die Bereitschaft der Politik halbherzig geworden.