Freiheit durch Entschuldung

Von der Leisniger Kastenordnung zum Entschuldungsfonds des Kreisdiakonieverbandes

Das Team des Fachbereichs Schuldner- und Insolvenzberatung: von links Daniela Hihn, Stefan Freeman, Ursula Krömer, Sonja Pross, Dietmar Bauer-Sonn, Sarah Kindt, Lena Stumpp, Michaela Weil (auf dem Bild fehlt Michael Ischir)

Martin Luther war ein Gegner von Zins und Wucher. Im Jahr 1523 war er Berater bei der Erstellung der Leisniger Kastenordnung. In diesem ältesten evangelischen Sozialpapier waren zwei wesentliche Punkte die Hilfe für Arme und die zinslose Vergabe von Kleinkrediten, die in einem für die Menschen tragbaren Rahmen zurückgezahlt werden sollten.

Für Luther gehörte zur Freiheit ein schuldenfreies und selbstbestimmtes Leben. In der Schuldnerberatung des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen (KDV) erleben wir Tag für Tag, wie Schulden die Menschen belasten und sie unfrei machen. Im Sinne der Gedanken von Luther hat der KDV seit diesem Jahr einen Entschuldungsfonds, der mit zinslosen Kleindarlehen überschuldeten Menschen einen Weg aus der Schuldenspirale hin zur Schuldenfreiheit ebnet.

So wie im Fall von Frau O. Frau O. ist die Hauptverdienerin ihrer Familie. Durch ihr Gehalt, die Erwerbsunfähigkeitsrente ihres Ehemannes und das Kindergeld ist die Familie unabhängig von weiteren staatlichen Leistungen. Ihre Arbeit im Schichtbetrieb und die Lage des Arbeitsortes machen ein Auto für Frau O. unerlässlich. Als ihr altes Auto kaputt geht, finanziert sie über einen Kredit einen kleinen Gebrauchtwagen. Ein Jahr später bricht die Auftragslage der Firma ein und es gibt Kurzarbeit auf unbestimmte Zeit. Durch die unerwartete Gehaltseinbuße kann Frau O. den Autokredit nicht mehr bedienen. Die Familie kommt auch mit anderen Zahlungen in Verzug, so dass das Konto dauerhaft einen Minussaldo aufweist. Die Familie versucht einiges, um Schlimmeres zu verhindern, doch sie ist schon zu tief in der Schuldenspirale. Frau O. meldet sich in der Schuldnerberatung der Diakonischen Bezirksstelle in Bernhausen an und kommt in die Beratung.
Da sie zwischenzeitlich wieder voll arbeiten kann und die Schulden überschaubar sind gelingt der Schuldnerberatung für Frau O. der Abschluss eines außergerichtlichen Vergleichs, bei dem eine Einmalzahlung an die Gläubiger geleistet wird und diese auf die Restschuld verzichten.

Möglich wurde die Einmalzahlung durch Mittel aus dem Entschuldungsfonds des KDV. Frau O. und ihre Familie sind durch den gelungenen Vergleich nicht mehr dem Druck der Anwälte und Inkassounternehmen ausgesetzt. Sie zahlen den zinslosen Kredit aus dem Entschuldungsfonds nun in kleinen Raten an den KDV zurück.

Der Grundstock des Entschuldungsfonds des Kreisdiakonieverbands besteht aus Mitteln der Diakonischen Bezirksstellen Bernhausen, Esslingen und Kirchheim. Im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017 haben das Diakonische Werk Württemberg und die Evangelische Landeskirche in Württemberg zusätzliche Mittel für die Einrichtung dieser regionalen Fonds in Württemberg bereitgestellt, so dass der KDV-Fonds nun über Gelder in Höhe von 25.000 Euro verfügt. Damit sind zinslose Darlehen nur für eine begrenzte Zahl von Hilfesuchenden möglich. Der KDV möchte eine Aufstockung der Fondsmittel über Spenden erreichen, um mehr Menschen aus der Schuldenfalle helfen zu können.

Der Geschäftsführer vom Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen, Eberhard Haußmann, erhofft sich vom Entschuldungsfonds dass „Menschen durch eine Entschuldung eine Aussicht auf ein schuldenfreies Leben erhalten und die sonstigen vielen täglichen Anforderungen im Leben mit neuem Mut und neuer Kraft angehen“.

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Jeder kann in eine Situation geraten, in der ihm die Schulden über den Kopf wachsen und er sich nicht mehr zu helfen weiß.

Ziel der Schuldnerberatung ist es, gemeinsam mit den Menschen, die ihre bestehende oder drohende Überschuldung aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen können, Entschuldungsmaßnahmen zu erarbeiten bzw. Wege aufzuzeigen, mit Schulden leben zu können, ohne in der gesamten Existenz bedroht zu sein. Vor allem der Verlust der Wohnung bzw. vergleichbare Notlagen sollen verhindert werden.

Zudem bietet das Verbraucherinsolvenzverfahren überschuldeten Menschen die Möglichkeit auf einen wirtschaftlichen Neuanfang und gibt ihnen Hoffnung auf ein Leben ohne Schulden.

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