In den Tafelläden ist jeder gleich

Die Tafeln im Landkreis haben kaum Probleme mit Geflüchteten und Migranten.

Kunden in der Fildertafel Bernhausen, Foto: Rapp-Hirrlinger

Sechs Tafeln versorgen im Landkreis Esslingen Menschen, die von Hartz-IV, Grundsicherung oder einer geringen Rente leben müssen, mit günstigen Lebensmitteln. Anders als bei der Essener Tafel, wo vorübergehend nur noch Menschen mit deutschem Pass aufgenommen werden, sagen die Träger – Kreisdiakonieverband (KDV), Caritas und Deutsches Rotes Kreuz – ganz klar: „Bei uns spielen Herkunft, Religion oder Hautfarbe keine Rolle. Alle werden gleich behandelt“, so Eberhard Haußmann, KDV-Geschäftsführer und Vorsitzender der Liga der Freien Wohlfahrtspflege. „Arm ist arm, da machen wir keinen Unterschied“, ergänzt Tanja Herbrik, Fachbereichsleiterin Armut und Beschäftigung im KDV und für die Tafelläden des KDV verantwortlich.

Seit der Einführung von Hartz IV seien die Zahlen der Tafelkunden stetig angewachsen, sagt Haußmann und weist damit auf ein gesellschaftspolitisches Problem hin. In allen Tafeln liegt der Anteil der Migranten bei rund 60 Prozent. Und mit dem Zuzug Geflüchteter, deren Anteil mit Ausnahme von Esslingen und Nürtingen bei rund 30 Prozent liegt, wurde der Ansturm auf die Tafeln größer. Etwa um zehn Prozent sei die Anzahl der Tafelkunden seitdem gestiegen, so Sven Parylak, Bereichsleiter der Caritas Fils-Neckar-Alb. Das bedeute schlicht, dass man die Waren auf mehr Leute verteilen müsse. Vor allem an haltbaren Lebensmitteln wie Mehl, Zucker, Nudeln oder Reis mangle es, so Klaus Rau, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Nürtingen-Kirchheim.

Wer berechtigt ist, in den Tafeln einzukaufen, wird streng geprüft: „Wir kontrollieren das Einkommen genau und kontinuierlich“, betont Haußmann. Erst wer seine Bedürftigkeit nachgewiesen hat, bekommt einen Ausweis mit Lichtbild, der beim Eintritt vorgezeigt werden muss. Für die gekauften Waren müssen die Kunden einen geringen Betrag bezahlen, im Durchschnitt 20 Prozent der ortsüblichen Preise. „Damit sieht es nicht wie ein Almosen aus“, so Haußmann. Er weiß, dass die Schamgrenze hoch ist, in die Tafeln zu gehen. Viele Bedürftige erreiche man auch deshalb nicht, weil sie weit weg wohnten und die Fahrpreise im Nahverkehr hoch seien. „Da wäre ein Sozialticket hilfreich.“ 

Die Träger sind überzeugt, dass es Tafeln eigentlich nicht geben dürfte. „Wir fordern, dass Menschen so ausgestattet werden, dass sie regulär einkaufen können. Doch die Tafeln helfen ihnen, ihren Alltag mit Hartz IV besser leben zu können“, so Haußmann. „Entscheidend ist auch, dass Arbeit die Existenz sichert. Der Mindestlohn ist dafür noch zu gering“, ergänzt Parylak. Äußerungen wie die von Jens Spahn, dass Hartz IV nicht Armut bedeute, würden nicht weiterhelfen, sondern vielmehr die Betroffenen kränken, meint Haußmann.

Vielen Geflüchteten habe man erst erklären müssen, dass man in den Tafeln nicht alles und nicht so viel, wie man möchte bekommt, sagt Herbrik. „Das Problem waren hauptsächlich Verständigungsschwierigkeiten wegen mangelnder Sprachkenntnisse.“ Daraufhin habe man die Einkaufsregeln in Englisch, Französisch und Arabisch übersetzt. Inzwischen arbeiteten Geflüchtete auch als Ehrenamtliche mit, die dann übersetzen könnten. Seit klar sei, dass für alle die gleichen Spielregeln gelten, sei auch Gedrängel und Geschubse kein Thema mehr. „Ich erlebe viele Geflüchtete als sehr hilfsbereit“, sagt Herbrik. Sie macht aber auch klar, dass, wer sich schlecht benimmt und nicht an die Regeln hält, auch mal ein Hausverbot erhält. „Wir wollen die Kunden fair behandeln, aber wir wollen auch fair behandelt werden.“ Man achte darauf, dass die alteingesessenen Kunden nicht zu kurz kommen, sagt Rau. Dass langjährige Tafelkunden mit der neuen Situation nicht glücklich sind, kann Haußmann verstehen.

In allen Tafeln wird immer nur eine bestimmte Anzahl Kunden in den Raum gelassen, damit die Enge nicht zu drangvoll wird. Sind die Verkaufsräume allzu klein, wird auch mal gelost. Doch es gelte nicht, dass der, der zuerst komme, mehr erhalte als die anderen. Man wisse in etwa, wie viele Kunden pro Tag kommen und kalkuliere die Menge der abgegebenen Lebensmittel entsprechend, sagt Parylak. Anders als früher, darf in den Tafeln des KDV allerdings nur noch einmal täglich eingekauft werden. Und jeder erhalte nur die Tagesmenge, so Herbrik. Auch die teilweise hohen Erwartungshaltungen etwa nach Weißbrot, Halal-Fleisch, Frisch- oder Milch-Produkten habe man durch intensives Erklären dämpfen können, so Rau.

Kommunikation, da sind sich die Tafel-Fachleute einig, ist das A und O.

Trotz der gespendeten Waren arbeiten die Tafeln nicht kostendeckend. Finanziert werden sie durch Spenden, Kirchensteuermittel, Unterstützung von Kommunen und die letzten drei Jahre durch einen Beitrag des Landkreises. Über den verhandle man gerade neu, so Haußmann. Trotzdem müssen die Träger jährlich zum Teil mehrere Zehntausend Euro zuschießen. 

Dass aus Kunden ehrenamtliche Helferinnen oder Helfer werden, ist nicht selten. Irina F., eine junge Frau aus Litauen, lernte über die Beratung der Diakonie den Tafelladen in Filderstadt kennen. Heute hilft die Hartz IV–Empfängerin mehrmals pro Woche dort aus und kennt beide Seiten: „Die Ware ist günstig und sehr gut. Wir sortieren genau aus. Ich kann nicht verstehen, wenn sich Kunden beschweren.“ Maria T. gibt ihr Recht: „Die Ware ist oft besser als im Supermarkt. Außerdem bekomme ich hier Dinge, die wir uns sonst nicht leisten könnten, wie Süßigkeiten für unsere Enkel.“ Sie und ihr Mann sind auf Grundsicherung angewiesen, weil die Rente nicht reicht. Einmal die Woche hilft die 72-Jährige im Laden in Filderstadt aus. „Ich will etwas zurückgeben“, sagt sie. 

Text und Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger