Ambulante Versorgung psychisch Kranker wird gestärkt

Land erhöht Förderung der Sozialpsychiatrischen Dienste im Landkreis

(v.l.)Verona Nowak, Eberhard Haußmann, Andreas Schwarz, Dorothee Ostertag-Sigler, Stefan Leidner Foto und Text: U. Rapp-Hirrlinger

Wieder Boden unter die Füße kriegen: An diesem Ziel arbeiten die Sozialpsychiatrischen Dienste (SpDi) im Landkreis Esslingen mit chronisch psychisch kranken Menschen. Damit dies gelingt, sind Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen auf die möglichst wohnortnahe ambulante Betreuung angewiesen. Träger der fünf Sozialpsychiatrischen Dienste im Kreis sind der Kreisdiakonieverband (KDV), der die Gebiete Plochingen und Kirchheim und damit einen Raum mit gut 180 000 Einwohnern versorgt, der Reha-Verein für den Filderraum, der Landkreis für Nürtingen und die Stadt Esslingen. Bei der Versorgung vor Ort folgen die SpDi dem Prinzip „ambulant vor stationär“. 

Allerdings ist der Dienst seit Jahren unterfinanziert. Knapp 70 000 Euro schießt allein der KDV jährlich aus Eigenmitteln zu. Der Landtag von Baden-Württemberg hat nun auf Initiative von Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, und Andreas Schwarz, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, die Förderung der Sozialpsychiatrischen Dienste im Doppelhaushalt 2020/2021 um zwei Millionen Euro aufgestockt. Damit fließen im Jahr 2020 landesweit vier und 2021 sechs Millionen Euro in diese Hilfen. 

Für die einzelnen Träger rechnet Haußmann mit zusätzlichen Mitteln von 18000 Euro. Im Rahmen der Komplementärfinanzierung gibt der Landkreis die gleiche Summe. Damit könne die ambulante Versorgung vor allem auch im ländlichen Raum entscheidend gestärkt werden, denn die SpDi arbeiteten aufsuchend, was viel Zeit und oft lange Wege bedeute.

„Wir wollen vor allem das Personal aufstocken“, kündigt Haußmann an. Im vergangenen Jahr haben die vom KDV getragenen SpDi rund 500 Menschen in der Grundversorgung begleitet. Mal braucht es Unterstützung nur für kurze Zeit, bei Bedarf aber auch über Jahre. Das Angebot ist niederschwellig und für die Betroffenen kostenlos. „Die Grundversorgung ist der Einstieg in weitere Hilfen“, sagt Haußmann. Dazu gehören etwa die Soziotherapie oder das Ambulant Begleitete Wohnen (ABW).

„Auch psychisch kranke Menschen sollen am sozialen Leben teilhaben und ihr Leben möglichst selbstständig führen können. Dazu leisten die SpDi unverzichtbare und erfolgreiche Arbeit“, erklärt Schwarz, warum er sich für die Aufstockung der Förderung des SpDi in den Haushaltsplanberatungen stark gemacht hat. „Mit diesem bescheidenen Beitrag erreichen wir eine hohe Wirkung und verbessern die Lebenssituation für viele Menschen“, so der Grünen-Politiker.

„Unser Ziel ist, dass psychisch kranke Menschen wieder Boden unter die Füße kriegen“, fasst Dorothee Ostertag-Sigler, Mitarbeiterin des SpDi Kirchheim zusammen. Dazu bedarf es sehr individueller Unterstützung. Wie erfolgreich diese sein kann, beschrieb Anna Müller (Name geändert) die seit mehr als zehn Jahren vom SpDi betreut wird. Wegen einer Zwangserkrankung und Ängsten konnte sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Hilfe fand sie schließlich beim SpDi. Viele Beratungsgespräche folgten, um einen guten Weg für Müller zu finden. Im Elternhaus konnte sie nicht bleiben, wollte aber auch in keine stationäre Einrichtung. Nach einem Klinikaufenthalt gelang der Sprung in eine betreute WG. In der Filderwerkstatt für psychisch kranke Menschen fand sie eine Beschäftigung. „Durch all diese Maßnahmen ging es mir immer besser. Heute wohne ich alleine“, erzählt sie stolz. Damit dies so bleibt, kommt sie jede Woche zu Ostertag-Sigler zum Gespräch. „Diese Termine sind für mich unheimlich wichtig“, sagt Müller. 

Auch Verona Nowak hat dank SpDi ihren Alltag wieder in den Griff bekommen. Nicht nur die monatlichen Einzelgespräche, sondern vor allem eine begleitete Gruppe von Betroffenen, die sie seit neun Jahren besucht, gibt ihr Halt. „In der Gesellschaft oder Familie gibt es oft kein Verständnis für unsere Probleme, in der Gruppe können wir offen reden und jeder weiß, worum es geht.“ Für Nowak ist die Gruppe eine Art Ersatzfamilie geworden. Auch außerhalb trifft man sich zur Freizeitgestaltung. Einen anderen Freundeskreis hat Nowak nicht, zu groß war immer die Scham wegen ihrer psychischen Erkrankung.

„Diese Beispiele zeigen eindrücklich, wie wirksam die ambulante Versorgung ist“, betonte Schwarz. Zudem sei sie volkswirtschaftlich günstiger. Sie leiste das, was sich die meisten Menschen wünschten, nämlich in ihrem vertrauten Lebensumfeld zu bleiben, ergänzte Stefan Leidner, Leiter des SpDi Plochingen. „Es ist gut angelegtes Geld“, so das Resümee von Eberhard Haußmann mit Blick auf die erhöhte Landesförderung.