Corona zeigt die Probleme wie unterm Brennglas

Jahresbilanz der unabhängigen Hartz-IV-Beratung der Liga der freien Wohlfahrtspflege – Bedarf enorm gestiegen

Seit 2013 bietet die Liga der Freien Wohlfahrtspflege die Unabhängige Hartz-IV-Beratung an und seither ist der Bedarf an diesem kostenlosen Angebot  kontinuierlich gestiegen. In sieben Jahren ist ein Netzwerk von 13 Beratungsstellen entstanden, flächendeckend über den Landkreis verteilt. Man habe festgestellt, dass Menschen in Not keine ausreichende und umfassende Beratung fänden, weil in den Ämtern dafür zu wenig Zeit sei. Zudem berate man auf Augenhöhe, vermittle zwischen Klienten und Behörden und unterstütze bei der Durchsetzung rechtlicher Ansprüche, umschreibt die Liga-Vorsitzende Brigitte Chyle von der Caritas Fils-Neckar-Alb die Zielsetzung der Beratung. Viele verstünden den Hartz-IV-Bescheid, der leicht 24 Seiten umfassen kann, gar nicht. „Das würde 80 Prozent der Normalbürger ebenso gehen“, betont Frieder Claus vom Verein Heimstatt Esslingen, Armutsexperte und Koordinator der Hartz-IV-Beratung. Viele sind hilflos im Dschungel der vielfältigen und komplizierten Regelungen und Vorschriften, haben Angst um ihre Existenz und fühlen sich ohnmächtig gegenüber den Behörden.

2019 ist die Nachfrage nach der unabhängigen Beratung um rund 35 Prozent gestiegen. Und Corona hat die Situation in diesem Jahr noch einmal erheblich verschärft. Knapp 1700 Beratungsfälle verzeichnet die Statistik für das vergangene Jahr. Vor allem Alleinerziehende seien von Verarmung besonders bedroht und suchten Beratung, sagt Chyle. Ihr Anteil ist inzwischen auf 25 Prozent gestiegen. Der gestiegene Bedarf wirkt sich auch auf die Wartezeiten aus. Zwischen ein und fünf Wochen muss man auf einen Beratungstermin warten. „Wenn Fristen eingehalten werden müssen, ziehen wir Leute wenn möglich vor“, sagt Reinhard Eberst vom Kreisdiakonieverband im Landkreis, der neben Caritas, AWO, DRK und Parität zu den Kooperationspartnern zählt. 

Die Berater helfen beim Ausfüllen oder Formulieren von Anträgen, vermitteln bei Konflikten zwischen Klienten und Jobcenter und beraten in sozialrechtlichen Fragen – mit großem Erfolg. 71 Prozent aller strittigen Fragen konnten im vergangenen Jahr direkt mit dem Jobcenter geklärt und zu einer positiven Lösung gebracht werden und nur drei Prozent landeten beim Anwalt oder vor Gericht. Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter habe sich sehr verbessert, freut sich Chyle. Dort sehe man die Qualität und die Vorteile der Arbeit der Hartz-IV-Beratung, ergänzt Chyles Stellvertreter Pit Lohse von der Parität.

Eines der größten Probleme sind die Wohnkosten. Die im Landkreis geltenden Mietobergrenzen, für die das Jobcenter aufkommt, liegt um 20 Prozent unter denen, die im Kreis Göppingen gelten, und sogar um 30 Prozent unter Waiblingen. Dabei seien dort die Wohnungen meist günstiger, weiß Claus. 2018 seien sie im Landkreis sogar abgesenkt worden, bemängelt er. Jetzt werde ein Inflationsausgleich von einem Prozent aufgeschlagen. Dabei sei es kaum möglich, Wohnungen zu finden, deren Miete sich in diesem Rahmen bewege, sagt Eberst. Die Liga fordert deshalb, die Mietobergrenzen anzupassen und das Wohngeld als Bemessungsgrenze zu nehmen. 

Auch mit Rückforderungen haben die Berater immer wieder zu tun, vor allem, was das Anrechnen von Einkommen angeht. Wer etwa unregelmäßig verdient, habe mit ständigen Änderungsbescheiden zu tun und verliere leicht den Überblick, berichtet Claus aus der Praxis. Besonders empörend sei, dass Kinder für Fehler ihrer Eltern mithafteten. Wenn diese etwa Einkünfte nicht korrekt angäben, würde auch den Kindern das Geld gekürzt. „Deshalb fordern wir eine Absicherung der Kinder in Form einer Kindergrundsicherung“, erklärt Chyle. 

Die Corona-Pandemie habe den Jobcentern einen Anstieg der Fallzahlen von rund 15 Prozent beschert, sagt Claus. Das spüren auch die Berater der Liga. „Zu uns kommt inzwischen eine große Zahl von Menschen, die noch nie von Sozialleistungen abhängig waren“, berichtet Chyle. Menschen, die in der Gastronomie, als Taxifahrer oder in Zeitarbeitsfirmen gearbeitet haben, aber auch Künstler und andere Freiberufler. Auch hier treffe es wieder besonders die Alleinerziehenden. Wer seine Arbeit verliert, kann rasch auch die Wohnung verlieren, wenn die Miete über den entsprechenden Sätzen liegt. „Corona zeigt die Probleme wie unterm Brennglas“, sagt Chyle. Die Liga-Vorsitzende geht davon aus, dass sich die derzeitige Situation noch länger nicht verbessert.

Die Liga ermutigt Menschen in Not, die Hartz-IV-Beratung in Anspruch zu nehmen.
Die Kontaktdaten der einzelnen Beratungsstellen und weitere Informationen finden sich hier.