Damit der Start ins Leben nicht an Schulden scheitert

Kreisdiakonieverband Esslingen baut Schuldnerberatung für junge Menschen aus

v.l. Lena Stumpp, Dayena Wittlinger, Sophia Scheyhing

Noch ganz am Anfang des beruflichen Lebens und schon überschuldet: So geht es immer mehr jungen Menschen auch im Landkreis Esslingen. Bisher nahmen überwiegend ältere Überschuldete das seit 1975 bestehende Angebot der Schuldner- und Insolvenzberatung des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen (KDV) wahr. Vor allem die langen Wartezeiten schreckten Jugendliche ab, weiß der KDV-Geschäftsführer Eberhard Haußmann. Vor drei Jahren rief man deshalb mit „Cashflow“ ein spezielles Programm für Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre ins Leben. Neben persönlicher Beratung knüpfte Projektmitarbeiterin Lena Stumpp Kontakte zu Kommunen, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen und lud zu Präventionsveranstaltungen. So ist ein Netzwerk entstanden. Weil der Bedarf groß ist, wurde die Jugendschuldnerberatung jetzt personell aufgestockt und auf den ganzen Landkreis ausgeweitet. „Cashflow“ wurde zu „Benefit“. Während die Wartezeit bei Erwachsenen rund zwei Jahre beträgt, bekommen junge Leute innerhalb von zwei Wochen einen Termin. Um die Schwelle zur Beratung möglichst niedrig zu halten, sind es oft Lehrer oder Betreuer in den Einrichtungen, die den Kontakt herstellen.

Hauptursachen, warum junge Menschen in die Schuldenfalle tappen, sind Arbeitslosigkeit, prekäre Jobs, unwirtschaftliche Haushaltsführung und falsches Konsumverhalten, sagt Dayena Wittlinger, die das Beratungs- und Hilfezentrum des KDV in Esslingen leitet. Neben der Schulderegulierung ist deshalb auch die Suche nach den Ursachen der Überschuldung wichtig, sagt Haußmann.

Viele der Betroffenen verfügten zudem über kein tragfähiges familiäres Netzwerk, das ihnen unter die Arme greifen kann. 

Damit stehe der Start ins selbständige Leben von Anfang an unter einem schlechten Stern. Denn nicht nur am Arbeitsplatz, auch bei der Wohnungssuche sind Schulden ein großes Hindernis. Peter M. ist ein klassisches Beispiel. Der 24-Jährige ist in Rumänien geboren und lebte einige Zeit mit seiner Familie in Spanien. Dort brach er eine Lehre als Automechaniker ab. „Als ich 2013 nach Deutschland kam, konnte ich die Sprache nicht gut und habe nicht verstanden, was ich unterschreibe“ erzählt er. Handyverträge und Einkäufe auf Pump im Internet – rasch häufte er Schulden an. Als er dann noch seine Arbeit verlor, verschärfte sich die Situation. Schulden von rund 2500 Euro liefen auf. Am Ende öffnete Peter M. die Briefe der Gläubiger nicht mehr, zumal er oft nicht verstand, was diese von ihm wollten. Im Beruflichen Ausbildungszentrum Esslingen kam er in Kontakt mit Lena Stumpp. Sie zeigte ihm einen Weg aus den Schulden auf, sortierte mit ihm seine Unterlagen und entdeckte etwa per Zufall, dass ein Brief  gar keine Geldforderung, sondern eine Rückzahlung des Jobcenters beinhaltete. Stumpp kümmerte sich um die Schuldenregulierung und schrieb Briefe an die Gläubiger. Dabei prüfe sie auch, ob die Forderungen gerechtfertigt seien, sagt Stumpp. „Viele sind nämlich zu hoch.“ So erreichte sie, dass der junge Mann nach fast zwei Jahren seine Schulden nahezu los ist. Damit es so bleibt, muss er sein Verhalten ändern. Und so ist auch der richtige Umgang mit Geld Thema im Projekt. „Ich bekam viele gute Tipps, wie ich mein Geld richtig einteile und auch etwas sparen kann“, ist M. dankbar. Inzwischen hat er die Verantwortung für seine Finanzen wieder selbst in die Hand genommen und schreibt sich genau auf, welche Fixkosten monatlich zu bezahlen sind und wie viel Geld ihm übrig bleibt. Solch ein Haushaltsplan ist ein wichtiger Schritt, sagt Wittlinger. Peter M. hat inzwischen wieder eine Arbeit. Die Beratung kann er weiterhin in Anspruch nehmen. 

Sophia Scheyhing, die Lena Stumpp im Projekt „Benefit“ seit Kurzem zur Seite steht, stellt einen großen Bedarf an Beratung und Unterstützung fest. Viele überschuldete junge Menschen hätten den Umgang mit Geld in ihren Familien nicht gelernt. Und sie sagt: „Die Verschuldung junger Menschen ist im Bewusstsein der Bevölkerung noch nicht verankert.“

Für drei Jahre trägt die Deutsche Fernsehlotterie 80 Prozent der Personalkosten von „Benefit“. „Langfristig möchten wir die Jugendschuldnerberatung als Regelangebot installieren“ sagt Haußmann. Außerdem wünscht er sich, dass wie in der traditionellen Schuldnerberatung in diesem Fall junge Ehrenamtliche für die Beratung ihrer Altersgenossen gewonnen werden können. Auch die Prävention an Schulen soll noch verstärkt werden.

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