Die Not ist nicht erst seit Corona groß

Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen startet Projekt "Rahab" für Menschen in der Prostitution

© Text und Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger

Fotohinweis: Rebekka Gärtner, Eberhard Haußmann, Maria Neuscheler und Olivia von der Dellen (v.l.) mit einer Karte, wo überall im Landkreis sich Bordelle befinden

Die Not ist groß bei Menschen in der Prostitution – nicht erst seit der Corona-Pandemie. Deshalb hat der Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen (KDV) ein neues Projekt ins Leben gerufen. „Rahab“ ist benannt nach der ersten Prostituierten, die in der Bibel erwähnt wird, erklärt KDV-Geschäftsführer Eberhard Haußmann. Der Name soll darauf hinweisen, dass es Prostitution schon seit langer Zeit gebe, aber die Gesellschaft die Augen davor verschließe.


„Rahab“ will nun Frauen in der Prostitution Unterstützung anbieten. Dazu werden die beiden Projektmitarbeiterinnen Olivia von der Dellen und Rebekka Gärtner die Frauen aufsuchen und sie bei Bedarf unterstützen und vor allem auch ihren Problemen und Anliegen beraten – sei es in Gesundheitsfragen, bei psychischen oder finanziellen Problemen, in rechtlichen Belangen und wenn gewünscht, auch beim Ausstieg. Der KDV betritt mit dem Projekt, das für die Frauen kostenlos ist, Neuland im Landkreis.

Es gebe viel Prostitution im Landkreis und einige große Bordelle, weiß Haußmann. Von rund 200 angemeldeten Frauen wisse man. Die Dunkelziffer sei jedoch extrem hoch, liege geschätzt bei bis zu 90 Prozent, erklärt Maria Neuscheler, die Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle Nürtingen, die das Projekt leitet. Frauen aus vielen verschiedenen Ländern gehen dem Gewerbe nach, fast nie freiwillig und oft sind sie Gewalt ausgesetzt.

„Rahab“ soll eine Anlaufstelle in der Not sein. Weil Corona  wegen des Beschäftigungsverbots die Frauen in zusätzliche, vor allem finanzielle  Bedrängnis brachte, habe man kurzerhand entschieden: „Wir machen uns früher als geplant auf den Weg“. Und so halfen die beiden Mitarbeiterinnen schon seit Wochen beim Ausfüllen der Corona-Hilfsanträge oder für Arbeitslosengeld-II (ALG). Denn viele der Frauen sprechen kein oder nur schlecht Deutsch und kennen sich in behördlichen Dingen kaum aus. Künftig sollen auch Dolmetscher eingesetzt werden. „Akzeptieren, zuhören aber nicht werten“ ist laut Neuscheler die Leitlinie.

Von der Dellen und Gärtner suchen die Frauen gezielt auf, um zu erfahren, welche Probleme sie drücken. Dass diese sehr individuell und vielfältig sind, haben die beiden bereits erlebt. Es geht nicht nur um finanzielle Angelegenheiten oder um psychische Probleme, sondern auch um Sucht oder um die körperlichen Schäden, die die Prostitution am Körper hinterlässt. Sie begleiten die Frauen auch zum Arzt oder zu Behörden. Das vielfältige Hilfenetz des KDV sorgt für kurze Wege in andere Unterstützungsangebote. Ein erweitertes Netzwerk mit Jobcenter, sozialen Diensten und Ärztinnen soll entstehen. Langfristig will man auch eine Schutzwohnung anmieten, die in Fällen von Gewalt oder Ausstieg eine Übergangslösung bietet.

Die Mitarbeiterinnen hören von bedrückenden Lebenssituationen. Da ist Kim, die mit 13 Jahren in ihrer Heimat Rumänien verheiratet wurde und als ihr Mann starb, mit 21 Jahren nach Deutschland kam. Inzwischen hat sie ein kleines Kind, dessen Vater inhaftiert ist. Für den Sohn bleibt angesichts der langen Arbeitszeiten kaum Zeit. Doch sie muss nicht nur sich und den Sohn unterhalten, auch die Familie in Rumänien erwartet finanzielle Unterstützung. Eine schier unlösbare Situation in einer Zeit, wo Kim selbst nichts verdiente. So entstand der Wunsch, aus der Prostitution auszusteigen. Von der Dellen half ihr beim Ausfüllen der Anträge für Corona-Soforthilfe und ALG-II. Wie viele ihrer Kolleginnen ist auch Kim nicht krankenversichert. „Obwohl sie Steuern bezahlen, fallen viele durchs soziale System“, weiß die Beraterin.

Rebekka Gärtner berichtet von einer Frau, die seit vielen Jahre in der Prostitution arbeitet. Sie fand einen Freund, mit dem sie zusammenlebt. Doch der entwickelte sich zum Zuhälter. Sich von ihm abzunabeln, falle der Frau schwer, berichtet Gärtner. „Die Frauen bewegen sich im Milieu trotz aller Gewalt einigermaßen sicher, weil es die Umgebung ist, die sie kennen. Das macht einen Ausstieg sehr schwer“, erklärt von der Dellen. Deshalb gehe es auch nicht darum, Prostituierte zum Ausstieg zu bewegen, sondern sie in ihrer aktuellen Situation zu unterstützen.

Zugang zu bekommen ist nicht einfach, meist braucht es lange Gespräche, bis Vertrauen entsteht. „Beziehungsarbeit braucht Zeit“, weiß Haußmann.

Die Finanzierung von „Rahab“ ist zunächst für drei Jahre gesichert. 80 Prozent der Personalkosten trägt die deutsche Fernsehlotterie, den Rest übernimmt der KDV.

Haußmann wünscht sich von der Politik, dass landesweit in jedem Kreis eine Fachberatungsstelle für Menschen in Prostitution eingerichtet wird und entsprechende Schutzwohnungen vorgehalten werden. Wichtig sei auch, dass die Frauen Zugang zum Sozialsystem erhielten.