Kein Licht am Ende des Tunnels

Ein Familienleben in Armut ist an Weihnachten besonders bedrückend.

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Die Weihnachtsgeschenke müssen in diesem Jahr leider ausfallen“, sagt Anita S. Das Geld ist knapp bei der 45-Jährigen, die in einer Gemeinde des Landkreises wohnt. Seit Ihrer Scheidung und einem schweren Arbeitsunfall vor zwei Jahren erlebt sie, was ein Familienleben in Armut bedeutet. Die Mutter von fünf Kindern lebt vom Verletztengeld und bekommt derzeit Wohngeld. Weil sie bei ihrer Scheidung falsch beraten worden sei, bezahle ihr Mann nur einen Minimalunterhalt. 100 bis 200 Euro im Monat blieben ihr und den beiden Kindern, die noch bei ihr wohnen, zum Leben, erzählt sie. Zuvor hatten sie ein durchschnittliches Einkommen, denn Anita S. arbeitete als Ausbilderin bei einem Hilfsdienst. „Heute muss ich zu den Kindern oft nein sagen, das tut weh“, erzählt sie. Und dann ist da noch die Angst, „was als nächstes kaputt geht“.


Vor Hartz IV konnten Bedürftige für Sonderausgaben wie eine neue Waschmaschine einen Zuschuss beantragen. Das müsse heute alles aus dem Regelsatz von 416 Euro pro Monat finanziert werden, erklärt Anne Burkhardt, Sozial- und Lebensberaterin im Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen (KDV), die viele Alleinerziehende begleitet. Aus dem Notsorgetopf der Diakonie können Bedürftige eine Zuwendung etwa für ein neues Haushaltsgerät bekommen. 280 000 Euro habe der KDV in diesem Jahr schon ausbezahlt, berichtet KDV-Geschäftsführer Eberhard Haußmann.

Doch was bedeutet Armut in einem reichen Landkreis? Insgesamt 6351 sogenannte Bedarfsgemeinschaften mit Kindern weist die Statistik für Juli 2018 aus. Zu den Hartz-IV-Beziehern kommen Geringverdiener, Menschen mit einer kleinen Rente oder Bezieher von Arbeitslosengeld I. „Man muss nicht hungern, aber das Geld reicht nur fürs Allernötigste“, sagt Burkhardt.  „Es ist nie Licht am Ende des Tunnels“, an Kino, Essen gehen oder gar Urlaub sei nicht zu denken, ergänzt Reinhard Eberst, Leiter des Fachbereichs Sozial- und Lebensberatung im KDV. Er berichtet von einer alleinerziehenden Mutter, die nach einer psychischen Erkrankung nach langer Zeit wieder eine Halbtagesstelle antreten konnte. „Nun ist ihr Auto kaputt und sie hat kein Geld für die Reparatur. Deshalb fürchtet sie nun um ihren Arbeitsplatz.“ Auch Anita S. hofft, wenn sie von ihrer inzwischen vierten Operation genesen ist und nicht länger an Krücken gehen muss, wieder in ihren Beruf einsteigen zu können.

Burkhardt weiß von vielen armen Familien, dass das Geld für Weihnachtsgeschenke, einen Christbaum oder ein festliches Essen nicht reicht. Was an Weihnachten besonders bitter ist, durchzieht jedoch den ganzen Alltag und belastet das Familienleben. Kindergeburtstage seien eine echte Herausforderung, sagt Anita S. Die Ansprüche sind heute hoch – Kino, Bowling oder ein Essen im Fastfood-Restaurant fast die Norm. Sie hält eisern dagegen: Gemeinsames Grillen im Freien oder eine Backaktion beim örtlichen Bäcker haben den Geburtstagsgästen ihrer Kinder großen Spaß gemacht. Dafür aber braucht es Stehvermögen und Unterstützung. Ihr Arbeitgeber und Kollegen stünden hinter ihr, berichtet sie. Als die Konfirmation ihres 14-jährigen Sohnes anstand, hat sie jeden Monat etwas zurückgelegt, um die Feier auszurichten. „Freunde haben dann gekocht, damit mein Sohn ein schönes Fest hatte“, erzählt sie gerührt. Doch wenn man nicht mehr mithalten könne, verliere man auch viele Freunde. 

Sie selbst verzichtet auf vieles, um ihren Kindern einen möglichst guten Start zu geben. „Meine Kinder haben auch Kleinigkeiten zu schätzen gelernt“, berichtet sie stolz. Sie gibt aber auch zu: „Es fällt sehr schwer zuzugeben, dass man Hilfe braucht und es gibt eine große Hemmschwelle, seine Situation vor anderen offen zu legen.“

Wie sie die Schullandheimaufenthalte des Sohnes und der elfjährigen Tochter im kommenden Jahr finanzieren soll, weiß sie noch nicht. Aus dem Bundesteilhabegesetz könnte sie einen Zuschuss bekommen, vorausgesetzt, ihr wird weiterhin Wohngeld bewilligt.

Was arme Familien besonders belastet, ist die Bürokratie: Schwer verständliche Formulare, zu wenig Beratung in den Behörden und lange Wartezeiten auf Bescheide machen den Hilfsbedürftigen das Leben schwer. Deshalb stehen ganz oben auf der Wunschliste des KDV größere Beratungskapazitäten in den Behörden und auch Hilfe beim Ausfüllen der Anträge. Ungerecht findet Haußmann, dass das Kindergeld auf Hartz IV angerechnet wird und so eine Erhöhung nicht bei denen ankommt, die sie am nötigsten hätten. Das bürokratische Bundesteilhabegesetz abzuschaffen und dafür das Kindergeld auszubezahlen, ist seine Forderung. Auch ein Sozialticket und eine kostenlose Kinderbetreuung könnten armen Familien helfen.

Sechs volle Stellen hat der KDV im Landkreis eingerichtet, um Menschen in Armut zu beraten. Auch Anita S. hat sich schließlich an die Diakonie gewandt und dort unbürokratische Unterstützung bekommen. „Hier fühlte ich mich als Mensch angenommen.“