Pionierarbeit mit offenem Ohr und offenem Herzen

Ursula Parth hat im Sozialpsychiatrischen Dienst Plochingen wichtige Aufbauarbeit geleistet.

Ursula Parth (l.) und Stefan Leidner im Gespräch in der Tagesstätte der Brücke

Fast ihr ganzes Berufsleben drehte sich für Ursula Parth um Menschen mit psychischen Erkrankungen. Im Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen (KDV) hat sie unter anderem den Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi) „Die Brücke“ in Plochingen mit aufgebaut. Jetzt geht die 65-Jährige in den Ruhestand.

In der „Brücke“ werde man Ursula Parth vermissen, sagt Stefan Leidner, der Leiter des SpDi. Sie habe nicht nur die Tagesstätte mit ihrer Persönlichkeit und ihren Ideen geprägt, sondern auch die Angehörigenarbeit aus der Taufe gehoben. „Damit hat sie wichtige Pionierarbeit geleistet.“

„Dinge in die Hand zu nehmen, liegt mir“, sagt Parth. Das begann schon bei ihrem kirchlichen Engagement als Jugendliche. Dieses habe sie geprägt, auch, weil sie sich stets aktiv mit kirchlichen Fragen auseinandersetzte, statt „einfach im Trott zu laufen“. Auf das Studium der Sozialpädagogik, mit den Schwerpunkten Beratung und Therapie, folgte eine Weiterbildung zur Sozialtherapeutin und später ein Aufbaustudium mit den Schwerpunkten pädagogische Psychologie und Psychiatrie. Schon die erste Arbeitsstelle war ein Sprung ins kalte Wasser. Für die Diakonie baute Parth Anfang der 1980er Jahre eine  Drogenberatungsstelle in Crailsheim auf. Später arbeitete sie mit straffälligen Jugendlichen und sammelte Erfahrungen in der Psychiatrie.

Mit dem Aufbau des SpDi in Plochingen nahm Parth 1987 die nächste Herausforderung an. Der Plochinger Dienst war der letzte von fünf SpDis im Landkreis. Eine zentrale Aufgabe des anfangs aus drei Personen bestehenden Teams war es, ein Netzwerk für die Versorgung psychisch kranker Menschen aufzubauen. Tagesstätte, Einzelberatungen, eine kleine Werkstatt und Ambulant Betreutes Wohnen entstanden später. Für die Leiterin hieß dies anfangs vor allem viele Planungs- und Gremiensitzungen. Rasch wuchs die Zahl der Klientinnen und Klienten. Ursula Parth ermutigte Betroffene, ein Kliententeam zu bilden, das aktiv an der Aufbauarbeit mitwirkte. Außerdem hätten die Betroffenen dabei gelernt, sich gegenseitig zu unterstützen. Später organisierte das Team auch eigenständig Ausflüge. 

Früh nahm Parth auch die Angehörigen von psychisch erkrankten Menschen in den Blick. „Psychische Erkrankungen belasten die ganze Familie. Je besser Angehörige damit umgehen können, umso mehr hilft das auch den Klienten.“ Bei vielen Fragen konnte sie weiterhelfen. Vor allem aber der Austausch der Angehörigen untereinander sei wichtig, weil viele dieselben Fragen hätten. 

Nach der Geburt ihrer Tochter 1992 arbeitete Parth nur noch in begrenztem Umfang beim SpDi und parallel auch in der Praxis ihres Ehemannes, eines Neurologen und Psychiaters. Erst 2011 kehrte sie zum KDV zurück, arbeitete zunächst im SpDi Kirchheim, ab 2013 wieder in Plochingen. „Ich wollte unbedingt richtig zurück in den Beruf“, erzählt sie. Doch ganz draußen war sie auch in der Zwischenzeit nie. Durch Honorartätigkeit hielt sie Kontakt zum SpDi, arbeitete zudem mit Jugendlichen im CJD Jugenddorf, engagierte sich in der Kirche, als Jugendschöffin, als Erziehungsbeistand beim Jugendamt und in der Sprachförderung, um beruflich am Ball zu bleiben. Die Rückkehr zum SpDi Plochingen fiel in eine Zeit des Umbruchs, erinnert sich Leidner. 2013 wurden neue Räume in der Bahnhofstraße bezogen, was auch die Arbeit vor Ort veränderte. Und das Team wuchs auf heute zwölf Mitarbeitende an.

Parth war federführend in der Leitung der Tagesstätte, betreute die Angehörigenarbeit und war in der Einzelfallberatung tätig. Vor allem die Tagesstätte sei eine große Herausforderung gewesen, erzählt sie. Es galt, die Klienten zu Aktivitäten zu motivieren. „Es war schön, erleben zu dürfen, wie die Leute lernten, sich gegenseitig anzunehmen, wie sie sind, und sich zu unterstützen“, sagt Parth.

„Ursula Parth hatte jeden im Blick und erkannte die Bedürfnisse der Menschen. Es zeichnet sie aus, dass sie Stimmungen sehr früh wahrnimmt, obwohl in der Tagesstätte oft sehr viel los ist. Und sie sorgte für eine positive Atmosphäre“, ergänzt Leidner. Auch zu schwierigen Klienten habe sie einen guten Zugang gefunden. Was es für ihre Arbeit braucht? „Neben dem Fachwissen ein offenes Ohr und ein offenes Herz“, sagt Parth. Kamen neue Klienten in die „Brücke“, habe sie immer den Punkt gesucht, „der an einem Menschen liebenswert ist“ – getreu der Überzeugung, „dass jeder Mensch einen Sinn im Leben hat“. Ressourcenorientiert zu arbeiten und individuelle Lösungen zu finden, war ihr ebenso wichtig wie die Hilfe zur Selbsthilfe – eben ganz diakonisch, ergänzt Eberhard Haußmann, Geschäftsführer, des KDV.

Dass sie mit der Diakonie einen kirchlichen Arbeitgeber hat, schätzte Ursula Parth nicht nur wegen des respektvollen Umgangs miteinander. „Ich habe viel Wertschätzung, Vertrauen und Unterstützung erlebt.“ Fehlen wird ihr vor allem das Team der „Brücke“, in dem sich ganz unterschiedliche Charaktere zu einer guten und intensiven Zusammenarbeit gefunden hätten. „Wir haben bei aller Unterschiedlichkeit gut miteinander gearbeitet.“ Auch im Ruhestand bleibt Ursula Parth dem SpDi treu. Auf Honorarbasis wird sie die Angehörigenarbeit weiter begleiten. Und darüber hinaus freut sie sich auf mehr Zeit für Familie, Freundeskreis und Hobbys.