Schrittweise zurück zur Normalität

Tagesstätte der „Brücke“ in Plochingen nach Corona mit Auflagen wieder geöffnet

Zusammensein in der Brücke

© Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger

Brücke, KDV: Zusammensein auf Abstand – Besucher der Tagesstätte mit Stefan Leidner (Mitte stehend)

Drei Monate lang war die Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen der „Brücke“ in Plochingen wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Nun erfolgt eine schrittweise Öffnung. An einen normalen Betrieb ist allerdings noch nicht zu denken. Denn was die Tagesstätte vor allem ausmacht, ist die Möglichkeit, sie ganz spontan aufzusuchen. „Das geht momentan leider noch nicht“, bedauert Stefan Leidner, der Leiter der „Brücke“. Derzeit können sich nur feste Kleingruppen treffen.

Marie L. (59) und Kerstin M. (43) sind sonst regelmäßige Besucherinnen der vom Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen getragenen Tagesstätte, die an fünf Tagen in der Woche geöffnet ist. Gut 100 Frauen und Männer nutzen das niederschwellige Angebot, das auch einen Mittagstisch anbietet, mehr oder weniger regelmäßig. Es gibt ihrem Alltag Struktur und sie erleben Gemeinschaft mit anderen.

Marie L. und Kerstin M., die beide allein leben, haben auf die Wiedereröffnung der Tagesstätte  hingefiebert. „Es hat so viel gefehlt“, sind sich die beiden rückblickend einig. Als am Mittag des 16. März Leidner ganz kurzfristig die Schließung verkünden musste, „war das ein totaler Schock“, erinnert sich Marie L. Dabei dachte man anfangs nur an zwei Wochen. Das, so meinten die beiden Frauen, könne man schon überbrücken. „Bis Ostern ging es gut, ich lenkte mich mit Basteln und Nähen ab“, erzählt Marie. Doch dann kam bei beiden der Einbruch. „Ich kam nicht mehr aus dem Bett, hatte keinen Antrieb. Ich war nur noch ein Häufchen Elend“, beschreibt Kerstin die dramatische Verschlechterung ihres psychischen Zustands. „Die Struktur fehlte“, ergänzt Marie. Anfangs hätten manche Klienten die Entschleunigung als entlastend empfunden, berichtet Leidner. Doch mit der Einsamkeit verstärkten sich bei vielen die psychischen Probleme wie etwa Depressionen. Etliche igelten sich ein aus Angst vor Ansteckung. „Selbst Menschen, die in einer Familie leben oder einen Freundeskreis haben, vermissten die sozialen Kontakte in der Tagesstätte. Sie ist für viele wie eine zweite Heimat“, ergänzt Ursula Parth, die für die Tagesstätte verantwortlich ist.


„Uns war wichtig, nicht die Zugbrücke hochzuziehen“, umschreibt Leidner das Corona-Konzept. Für Notfälle war die „Brücke“ stets erreichbar. Von Anfang hielten die Mitarbeitenden der Tagesstätte mit den regelmäßigen Besuchern telefonischen Kontakt. Dabei achteten sie besonders darauf, welche Sorgen und Nöte die Angerufenen umtreiben und was sie benötigen. Später schickten sie Briefe mit Kochrezepten, Spiel- und Bastelanleitungen. Statt Beratungsgesprächen oder Hausbesuchen boten die Mitarbeiter der „Brücke“, unter deren Dach auch der Sozialpsychiatrische Dienst und Ambulant Betreutes Wohnen angesiedelt sind, Spaziergänge an. Denn nicht jeder mag am Telefon sein Herz ausschütten. Als klar war, dass die Schließung länger dauern würde, wurden die Räume der Tagesstätte so umgestaltet, dass dort auch Einzelgespräche stattfinden konnten. Die kleinen Montage- und Verpackungsarbeiten, die sonst in der Tagesstätte gemeinsam erledigt werden, wurden den Klienten nach Hause gebracht. Marie kam die Heimarbeit gelegen. Kerstin dagegen fehlte das Arbeiten in der Gruppe.

Nachdem die durch Corona bedingten Vorschriften gelockert wurden, überlegte man sich in der „Brücke“, wie man die Anlaufstelle stufenweise wieder öffnen könnte und arbeitete ein Hygienekonzept aus. Derzeit können sich nun an vier verschiedenen Tagen feste Kleingruppen von vier Besuchern mit je einer Mitarbeiterin treffen. Vier Probetage haben gezeigt, dass das Konzept funktioniert. „Die Herausforderung war, die Gruppen so zusammenzustellen, dass die Leute sich verstehen und ähnliche Interessen haben“, erklärt Leidner. Parth sieht in den Kleingruppen auch die Chance, sich intensiver kennenzulernen, als es mit wechselnder Besetzung und in der großen Gruppe möglich ist. Die jeweiligen Besucher platzieren sich überwiegend um den ausladenden Tisch im großen Gruppenraum zum Reden oder Basteln. Dass jemand einfach vom einen Raum in den anderen wechselt, wie es sonst üblich ist, sei nicht möglich, erläutert Parth. Denn auf Abstände muss auch hier geachtet werden. Damit fallen auch die oft wichtigen Gespräche zwischen Tür und Angel oder bei der Zigarettenpause auf der Feuertreppe flach. Was alle jedoch am meisten vermissen, ist das gemeinsame Kochen und Mittagessen. „Das geht derzeit leider auch nicht“, bedauert Parth.

Doch Kerstin und Marie freuen sich, dass wenigsten an einem Tag in der Woche die „Brücke“ ihnen wieder offensteht. Sie hoffen, dass sie bald wieder nach Lust und Laune in die Tagesstätte kommen können. Auch die diversen Gruppenangebote am Nachmittag fingen langsam wieder an, sagt Leidner. In der nächsten Stufe wolle man den Betrieb der Tagesstätte so gestalten, dass mehr Spontanität möglich ist. Allerdings werde man sich langsam herantasten.