"Stein und Rose" unterstützt Geflüchtete und Ehrenamtliche

Auch wenn die Flucht zu Ende ist, bleiben die traumatischen Erfahrungen, die Geflüchtete in ihren Heimatländern und auch auf der Flucht gemacht haben. Sie leiden häufig unter vielerlei Ängsten.

Projekt der Psychologischen Beratungsstellen will einen niederschwelligen Zugang zur Beratung schaffen

Die Sorge um Angehörige und die Frage, wie es mit ihnen weitergehen kann, treibt sie um. Schlaf- und Konzentrationsstörungen, aber auch andere körperliche Symptome können die Folge sein. Ehrenamtliche Begleiter müssen das mit aushalten.

Das Projekt „Stein und Rose“ des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen (KDV) unterstützt seit gut eineinhalb Jahren Geflüchtete und Ehrenamtliche mit psychologischer Beratung. „Stein und Rose“ heißt das Projekt, „weil Geflüchtete einen steinigen Weg hinter sich haben. Die Rose ist Symbol für den Neubeginn“, sagt Dayena Wittlinger, die Leiterin des  Beratungs- und Hilfezentrums Esslingen. Für das auf drei Jahre angelegte Projekt hat der KDV jeweils eine halbe Stelle bei den Psychologischen Beratungsstellen Esslingen und Filder geschaffen.

Etwa 60 Menschen wurden seither beraten. Oft kommen sie in Begleitung von Ehrenamtlichen, aber auch von Mitarbeitern der Sozialdienste. „Wir haben erkannt, dass die Schwelle sehr niedrig sein muss“, erklärt Elisabeth Rümenapf, die die Psychologische Beratungsstelle Filder leitet. Deshalb hat man dort mit guter Resonanz eine offene Sprechstunde eingeführt. In den Einzelberatungen erlebt Alexandra Hauser, Mitarbeiterin der Psychologischen Beratungsstelle Esslingen, Schicksale, die unter die Haut gehen. Wie das einer Frau, die ihr Kind in der Heimat zurücklassen musste, sich zu Fuß auf die Flucht begab und dort, wie schon in ihrer Heimat „Dinge erlebt hat, die man sich nicht vorstellen kann“, so Hauser. Auf der Flucht wurde sie ausgeraubt, so dass sie keine Adressen mehr hat, die den Kontakt mit ihrem Kind und der übrigen Familie ermöglichen. Wie hilft man solch einer Frau? „Da nützen keine guten Ratschläge, sondern man muss die Trauer gemeinsam aushalten“, sagt Hauser. Viele, die sie berät, seien am Rand einer posttraumatischen Belastungsstörung. „Doch wir können zeigen, dass es Hilfe gibt.“ Schon diese Hoffnung wirke sich oft positiv aus. Etwa sechs Wochen müssen Betroffene derzeit auf ein Beratungsgespräch warten. „Aber einen Termin zu haben, macht das Warten erträglicher. Und kaum einer nimmt den Termin nicht wahr“, sagt Hauser. 

Viele der Klienten könnten mit den Symptomen, die von den traumatischen Erlebnissen herrühren, nicht umgehen, hätten Angst verrückt zu werden. „Wir können ihnen sagen, dass das ganz normale Reaktionen sind auf das, was sie erlebt haben“, erklärt Rümenapf. Das beruhigt. „Wir versuchen ihnen bewusst zu machen, dass sie Überlebende sind, dass sie deshalb stark sind.“ Bei „Stein und Rose“ gehe es um Stabilisierung. „Wir versuchen die Menschen anzuleiten, mit den Symptomen umzugehen, damit sie ihren Alltag bewältigen können“, sagt Rümenapf. Eine Trauma-Therapie, die viele bräuchten, kann der KDV nicht anbieten. Dazu wären aber auch stabile äußere Bedingungen nötig, zu denen eine eigene Wohnung, Arbeit und das Erlernen der deutschen Sprache gehören.

Die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit nehmen das Angebot weniger stark an als erwartet. Vielleicht mangle es an der Zeit, vermuten die Fachfrauen. Auch hier gelte es, die richtige Form zu finden: „Wir versuchen derzeit ein Angebot zur Begleitung und Supervision in Plochingen zu etablieren“, kündigt Wittlinger an.

Die acht weiblichen und drei männlichen Mitarbeiter des Beraterteams haben Fortbildungen in Trauma-sensibler und Kultur-sensibler Beratung absolviert.

Neben den Einzelberatungen gibt es auch Gruppenangebote. Monika Fercho hat auf den Fildern zwei kunsttherapeutische Malgruppen für Frauen geleitet. Dabei seien sehr vielschichtige Themen zum Ausdruck gekommen: Erinnerungen an die Heimat, schöne Orte, Sehnsüchte und Wünsche aber auch Depressionen, Sorgen und Ängste. „Über das Malen und die Bilder konnten selbst komplexe psychologische Zusammenhänge erklärt werden“, berichtet sie. So funktionierte die Verständigung trotz Sprachbarrieren. In Esslingen soll am 9. Oktober eine Gruppe für afghanische Männer starten. In ihr sind noch Plätze frei, Interesseierte können sich anmelden. Alle Angebote des Projekts sind kostenfrei.

Die Anfragen für Beratungen im Rahmen von „Stein und Rose“ sind kontinuierlich gestiegen – auch dank der intensiven Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern wie Städten, Landkreis oder anderen Sozialdiensten, berichtet Rümenapf. Wichtig sei auch, dass es im KDV zahlreiche weitere Hilfsangebote gibt, an die Geflüchtete verwiesen werden können. 

Die Fachfrauen gehen davon aus, dass der Bedarf auch in den nächsten Jahren gleich bleibt. Die psychologischen Bedürfnisse stünden anders als etwa Arbeit und Wohnung bei den Geflüchteten nicht an erster Stelle. „Wenn es sich außen beruhigt hat, kann es im Inneren losgehen“, sagt Rümenapf. Bis Ende 2019 ist die Finanzierung des Projektes durch die Förderung durch die Deutsche Fernsehlotterie in Höhe von 80 Prozent der Personalkosten gesichert. Danach gelte es weitere Geldquellen zu erschließen. „Wir müssen versuchen, zu einer Regelfinanzierung zu kommen, denn wir sehen den langfristigen Bedarf“, so Wittlinger.