Unsicherheiten und mangelnde Struktur belasten Betroffene

Anlauf- und Beratungsstelle Essstörungen Esslingen hilft auch in Corona Zeiten

Ein Gefühl der Sicherheit und ein strukturierter Tagesablauf geben Menschen mit Essstörungen Halt. Durch eine krisenhafte Situation, wie sie die Corona-Pandemie mit sich bringt, gerät dieses Gerüst ins Wanken. Die Betroffenen reagierten nicht selten mit großer Verunsicherung, weiß Barbara Hammann von der Anlauf- und Beratungsstelle für Essstörungen des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen. In dieser Krisenzeit falle die notwendige Tagesstruktur oft weg und es fehlte die haltgebende Regelmäßigkeit wie Schulbesuch oder Berufstätigkeit. Die Betroffenen fühlten sich sehr alleingelassen. Damit sie nicht in krankmachende Verhaltensweisen zurückfallen, ist Hammann auch jetzt für die Klientinnen und Klienten da. Momentan berät sie zwar nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern gibt per Telefon oder Video, online und in kritischen Situationen sogar persönlich unter Beachtung der Hygiene- und Kontaktregelung Rat und Unterstützung. „Wir werden voraussichtlich ab 4. Mai auch wieder Ratsuchende im Beratungszentrum beraten“, kündigt Dayena Wittlinger, Leiterin des Diakonischen Beratungszentrums in Esslingen, an. Für diese persönlichen Gespräche gelten dann jedoch verschärfte Hygiene- und Verhaltensregelungen. Wittlinger ermutigt Hilfesuchende, sich im Beratungszentrum zu melden.

Wie sehr die derzeitigen Unsicherheiten Betroffene belasten, zeigt der Fall einer jungen Frau. Die 20-Jährige zeigt schon seit einigen Jahren Symptome einer Essstörung und ist Klientin der Anlauf- und Beratungsstelle. „Nach einem längeren Beratungsprozess ist sie nun am Beginn einer neuen Lebensphase. Sie hat einen Praktikumsplatz, das anschließende Studium wartet auf sie und die Ablösung vom Elternhaus ist gut vorbereitet. Die neu erworbene Autonomie stärkt ihr Selbstbewusstsein“, beschreibt Hammann die Situation. Die äußere Krise, ausgelöst durch das Coronavirus, habe nun erneut zu einer großen Unsicherheit und psychischen Ausnahmesituation geführt. Ihr fehlten Kontakte zu Gleichaltrigen und dadurch, dass die Familie viel Zeit zuhause verbringt, verstärke sich auch die Kontrolle durch die Familie. „Sie fühlt sich wieder kindlich abhängig vom Elternhaus, äußere Strukturen – auch im Essverhalten – brechen weg und familiäre Konflikte häufen sich“, erklärt die Fachfrau. Die junge Frau ziehe sich in ihr Zimmer zurück und depressive Gedanken wie etwa das Gefühl, versagt zu haben, nähmen großen Raum ein. Die Balance zwischen Anforderung und Entspannung helfe in der Regel, dem Druck nach Hungern oder übermäßigem Essen und auch Erbrechen etwas entgegen zu setzen. „Diese Balance ist in dieser fortwährenden Krisensituation nicht mehr vorhanden. Die daraus folgende emotionale Anspannung und die Unsicherheit verstärken leider oft wieder die Essstörungssymptome“, sagt Hammann. „In dieser Situation ist es für die junge Frau äußerst wichtig, dass sie den Kontakt zu der Beratungsstelle halten kann, wenn auch nur telefonisch oder im videogestützten Kontakt. Sie braucht die Beratung dringender und engmaschiger als zuvor“, betont Wittlinger.

Essstörungen werden häufig von weiteren Erkrankungen wie Depressionen oder Zwangserkrankungen begleitet. Durch die Kontaktsperre verstärken sich Ängste und Depressionen. Auch Zwänge können aktiviert werden und es fällt manchen schwer, den Bezug zur Realität zu behalten. Im Gespräch kann Hammann die Betroffenen beruhigen und ihnen helfen, ihre Ängste real einzuordnen. Dazu ist es nötig, dass die Fachkraft als kontinuierliche Bezugsperson zur Verfügung steht.

Eine besondere Herausforderung in diesen ‚Coronazeiten‘ ist auch, dass Rehaeinrichtungen und Fachkliniken häufig einen Aufnahmestopp für neue Patienten verhängt haben. Das heißt, dass die ohnehin schon lange Wartezeit noch einmal verlängert wird. Betroffene haben große Hoffnungen in diesen stationären Aufenthalt gesetzt, es war oft langwierig und mühsam, sie zu motivieren und nun heißt es weiter warten auf den Aufnahmetermin. Hier leistet die Beratungsstelle sehr notwendige Überbrückungsarbeit.

Stichwort Essstörungen

„Ein paar Kilo sollten noch weg, dann … sähe ich besser aus, …wäre ich beliebter, …hätte ich keine Probleme mehr“ – mit solchen Fragen kommen seit Jahren Ratsuchende, die mit ihrem Aussehen unzufrieden oder sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen ins Diakonische Beratungszentrum Esslingen. Sie kontrollieren ihr Essverhalten mit Hungern, Diäten oder Erbrechen. Der Blick auf die Waage bestimmt die Stimmung des Tages. Manchmal sind solche Gedanken oder Verhaltensweisen ein Hinweis auf eine beginnende Essstörung. Der Weg in eine Anorexie, Bulimie oder eine Esssucht ist dann recht kurz. Essstörungen können Ausdruck emotionaler Konflikte, von Beziehungsproblemen oder anderen, ungelösten Problemen sein.