Von der Gemeindeschwester zum Sozialunternehmen

Die Diakonie im Landkreis Esslingen beschäftigt sich mit der ambulanten Pflege.

Mehr Zeit für die Pflegebedürftigen mit entsprechender Finanzierung dieser Leistungen und deutlich weniger Bürokratie: So lassen sich die wichtigsten Forderungen der Verantwortlichen der Diakonie in der ambulanten Pflege zusammenfassen. Vertreter der Diakonie im Landkreis (DIL) beschäftigten sich bei ihrer Regionalversammlung in Nürtingen jetzt mit der aktuellen Situation, aber auch der Entwicklung der häuslichen Pflege.

Zwei Drittel der Pflegebedürftigen würden heute im häuslichen Bereich – und davon wieder zwei Drittel von der Diakonie im Landkreis Esslingen - versorgt, sagte Jochen Schnizler, Geschäftsführer der Diakoniestationen Nürtingen und Neuffener Tal. „Die zwölf Diakonie- und Sozialstationen sind der größte Anbieter für häusliche Pflege im Landkreis.“ 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versorgen jährlich 9500 Menschen und machen dazu rund 1,8 Millionen Hausbesuche.

„Von der Gemeindeschwester zum Sozialunternehmen“ hatte Jochen Schnizler, seinen Vortrag überschrieben. Er beschrieb, wie schnell früher ein Unfall oder Krankheit und daraus folgende Pflegedürftigkeit einen Abstieg in Armut bedeuten konnte. Angehörige hatten kaum Zeit für die Pflege, was sich durch lange Arbeitszeiten zu Beginn der Industrialisierung noch verstärkte.

Die Folge: „Pflegebedürftige lebten teilweise in katastrophalen Verhältnissen.“ Die Antwort darauf war ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Gründung von Diakonissen-Schwesternschaften. Diese entsandten ihre in der Krankenpflege ausgebildeten Diakonissen in die Gemeinden, die ihrerseits Krankenpflegevereine gründeten. Die ersten Krankenpflegevereine entstanden laut Schnizler vor weit über hundert Jahren auch in der Region. „Meist waren die Gemeindeschwestern Einzelkämpferinnen“, betonte Schnizler. Und sie waren fast rund um die Uhr für die Kranken verfügbar. Man solle doch dafür sorgen, dass die Diakonissen wenigstens zwei Stunden Nachtruhe hätten, zitierte er aus einem Schreiben.

Ab den 1960er Jahren entschieden sich immer weniger Frauen, Diakonissen zu werden. Die baden-württembergische Sozialministerin Annemarie Griesinger förderte in den 70er Jahren die Gründung von Diakonie- und Sozialstationen sowie der Nachbarschaftshilfe und die Anstellung freier Schwestern.

Einen großen Umbruch brachte 1997 die Pflegeversicherung mit sich. „Sie forderte eine hohe Hürde an Bürokratie“, erläuterte Schnizler. Krankenpflegevereine fusionierten und private Pflegediensten machten den diakonischen Diensten Konkurrenz. 

Dass auch heute die Arbeit der Pflegekräfte kein Zuckerschlecken ist, beschrieb Christian Luedecke, Geschäftsführer der Diakoniestation Aich-Erms-Neckartal. Er gab einen Einblick in den Tagesablauf einer Mitarbeiterin der Häuslichen Krankenpflege. Der beinhaltet an diesem Tag den Besuch bei 18 Patienten. Dort gilt es Verbände zu wechseln, Medikamente zu geben und vorzubereiten, den Blutzucker zu kontrollieren, bei der Körperpflege zu helfen, Kompressionsstrümpfe  anzuziehen und vieles mehr. Zeit ist knapp, aber notwendig. Oft sei sie er einzige Kontakt am Tag. „Wichtig ist mir der respektvolle Umgang mit den zu Pflegenden“, zitiert Luedecke seine Mitarbeiterin. Dass manche Leistungen der Diakoniestationen nur von Fachkräften erbracht werden dürfen, während die privaten Anbieter da freier seien, kritisierte Rainer Kiess, Dekan des Kirchenbezirks Bernhausen. Auch Christine Beilharz, Geschäftsführerin der Diakoniestation auf den Fildern forderte, „dass einfache Pflegeleistungen auch von Ungelernten erbracht werden dürfen“. Denn sie spüre die private Konkurrenz ganz deutlich. Schnizler dagegen wandte sich strikt gegen eine Absenkung des Qualitäts-Niveaus. 

Dass diakonische Einrichtungen besonders sorgsam mit ihrem Personal aber auch den Patienten umgehen, betonte Michael Fischer, Verwaltungsleiter der Diakoniestation Teck. Zwar seien die Diakoniestationen in erster Linie Dienstleister, die im Wettbewerb mit anderen Anbietern stünden und weder staatliche noch kirchliche Subventionen bekämen, doch zeichne sie ihr diakonisches Profil aus. Das bedeute unter anderem, dass Mitarbeitende nicht als Produktionsfaktor gesehen würden und etwa in der Palliativversorgung kein Zeitdruck mehr herrsche.

Die steigende Zahl an Pflegebedürftigen stellt die Diakonie vor Herausforderungen: „Die Gewinnung von Mitarbeitern wird die Herausforderung der Zukunft sein“, weiß Schnizler. Doch um gutes Personal zu bekommen, müsse man es auch angemessen bezahlen. Für die Zukunft wünsche er sich, „dass die Mitarbeiterinnen eine ganzheitliche Versorgung leisten können wie die Gemeindeschwester früher“. Doch dazu bedürfe es mehr Zeit und einer ausreichenden Finanzierung durch die Pflegeversicherung.

Dass diakonisches Handeln und Finanzverantwortung kein Widerspruch sind, betonte der Nürtinger Dekan Michael Waldmann, Vorsitzender der DIL. „Wo Geld verwendet wird, um sich für Menschen einzusetzen, ist dies auch im biblischen Sinne richtig.“

Die Diakonie- und Sozialstationen leisten viel mehr als häusliche Pflege und hauswirtschaftliche Hilfe. Dies zeigte Manfred Braun, Geschäftsführer der Diakoniestation Wendlingen, auf. Dazu gehören unter anderem Essen auf Rädern, Hausnotruf sowie vielfältige Beratungs-, und Betreuungsangebote.

Text: Ulrike Rapp-Hirrlinger